Einst ein Held
| Titel | Der Krieg des Charlie Wilson |
| Filmbewertung vom | 04.02.2008 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Man tut gut daran, die im Kern wahren Aktivitäten des amerikanischen Freundes von vorneherein mit der ebenso wahren Erkenntnis des Titel-Darstellers Tom Hanks (51) zu verbinden. Dem kritischen Einwand, „Charlie Wilsons War“ ende genau dort, wo das Schreckensregime der vom hochrangigen Politprofi Wilson ausgerüsteten Taliban beginnt, begegnete Hanks ganz entspannt: „Jeder weiß, dass wir das Endspiel in Afghanistan gründlich vermasselt haben.“ Aber darf deshalb der entscheidende Teil der unendlichen Geschichte unter den Schneidetisch fallen? Ja, findet der zweifache Oscarpreisträger gegenüber einem deutschen Nachrichtenmagazin und hält dagegen – nur „weil wir nicht die Flugzeuge zeigen, die in die Twin Towers fliegen?“ Dabei blendet Onkel Tom (unbewusst?) die weltweiten Risiken und terroristischen Nebenwirkungen geflissentlich aus, die das historische Vorbild mit seinem politischen Clou begünstigte. Charlies große Nummer, vom deutschstämmigen Mike Nichols („Reifeprüfung“ 1967) auf höchstes Unterhaltungsniveau getrimmt, wird nicht durch Optionen getrübt, die den massiven Einsatz Wilsons bei der Vertreibung der Russen aus Afghanistan vermeidbar erscheinen ließen. Ein Mann stellt mitten im Kalten Krieg per Geheimoperation die Weichen für ein strategisches Szenario am Hindukusch. Das betreffende Zeitsegment hat die Öffentlichkeit längst aus den Augen verloren und von Charlies verdeckten Unternehmen erfuhr sie am Rande. Dem smarten Kongressabgeordneten Wilson blieb es in den frühen 1980-ger Jahren vorbehalten, aus hoffnungslos unterlegenen Gotteskriegern jenen problematischen Gegner zu schaffen, der dem westlichen Staatenverbund so nachhaltig das Fürchten lehrt.
Charlie Wilson (Tom Hanks) ist eigentlich unverdächtig ein Muslimfreund zu sein. Ein paar Gläser Whiskey am Pool, etwas Koks und regelmäßiger Triebabbau machen ihn zu einem verträglichen Mannsbild. Passend dazu umgeben ihn weibliche Büroangestellte („Charlie`s Angels“) mit Playboy-Flair. Das „Reich des Bösen“ hasst der softe Volksvertreter nicht mehr, als das offizielle Washington. Die Basis für seine fragwürdige Allianz mit den Mudschaheddin ergibt sich vielmehr aus dem Intimkontakt zu Südstaatenmatrone Joanne Herring (Julia Roberts, 41). Die bekennende Christin und superreiche Kommunistenfresserin macht keinen Unterschied zwischen Bett und Front. Unnachgiebig spannt sie den leichtlebigen Hurensohn für ihren Kreuzzug gegen den roten Erzfeind ein. Dass ihre visionäre Saat aufgeht, liegt nicht zuletzt an Wilsons Skrupeln. Lebemann hin oder her; ganz immun ist der gegenüber dem schweren Schicksal afghanischer Flüchtlinge auch nicht. Es gilt, die erdrückende Übermacht der Sowjetunion zu brechen. Der afghanische Widerstand kann gegen die Besatzer mit den von den USA bis dahin alimentierten Waffen nicht annährend bestehen. Als Mitglied des Komitees, dem die Vermittlung zwischen CIA und den Regierungsinstitutionen obliegt, aktiviert Charlie Wilson das Beziehungskarussell, bläht das anfänglich auf 5 Mio. $ begrenzte Budget zur militärischen Stützung der Freiheitskämpfer immer stärker auf und leiert dem Ausschuss am Ende die unglaubliche Summe von 1 Milliarde $ aus dem Steuersäckel. Eine Mission dieser Größenordnung bedarf kompetenter Helferlein. In diesem (Krisen)-Fall ist der gerissene FBI-Agent Gust Avrakotos ( Philip Seymour Hoffman) maßgeblich beteiligt. So gerüstet, holen die erstarkten Taliban reihenweise russische Jets und Hubschrauber vom Himmel. Sie zwingen die Sowjet-Großmacht schließlich in die Knie; ein für Amerika im Nachhinein bitterer Sieg. Eines nicht zu fernen Tages nach dem Abzug der Gedemütigten wendet sich das Blatt zuungunsten Amerikas. Aus dem Hilfsprogramm des Hasardeurs Charlie Wilson, dem übrigens ein gewisser Osama Bin Laden prägende Eindrücke verdankt, entwickelt sich ein fundamentalistischer Bumerang für die westliche Supermacht. Aber natürlich schlägt das Imperium zurück, wenngleich mit mäßigem Erfolg.
Fazit Konträr, wie der geschichtliche Ablauf, stellt sich die dramaturgische Klammer des Films dar. Eingangs wohnt der Betrachter einem militärischen Zeremoniell bei, das das heldenhafte Tun des Charlie Wilson mit allen Zeichen staatlicher Anerkennung würdigt. Schon da macht sich zu Recht auf dem Gesicht des Tom Hanks Melancholie breit. Solange nämlich das Säbelrasseln anhielt, rannt der Protagonist mit seinen kostenträchtigen Forderungen offene Türen ein. Als er nach der Befreiung des Wüstenlandes im Kongress ein paar Milliönchen locker zu machen versucht, um dort Schulen zu bauen, schaltet die erlauchte Geberkonferenz auf sonnige Finsternis. Mission: Impossible, absolut überflüssige Investition. Die Militärkarawane zieht weiter, die Wirtschaft hat Durst.... Allein dieser schroffe Perspektivwechsel hat es in sich. Darüber hinaus sind verschiedene Deutungen des Films möglich – von der konservativen Ode bis zum Kriegs- bzw. Antikriegsfilm. Zweierlei hebt ihn vom üblichen Einerlei besonders ab: Dialoge, die nicht nur auf der intellektuellen Zunge zergehen und Darsteller, die ihr Handwerk richtig verstehen. Auch wer keine Schwäche für Julia Roberts hat, muss Pretty Womans Interpretation einer abgetakelten Society-Lady bewundern. Philip Seymour Hoffman scheint sich schon aus Gewohnheit immer wieder selbst zu übertreffen. Sein Agenten-Part ist für mindestens drei Oscars gut (und einen wird er sicher abräumen). Lediglich der Titelaspirant zeigt Schwächen. Vielleicht, weil das Drehbuch Tom Hanks hängen ließ. Denn sein Motiv für das alleingängerische Sendungsbewusstsein Wilsons bleibt doch reichlich nebulös. Die große Überraschung jedoch ist Mike Nichols. Der 76-Jährige beweist hier noch einmal sein Händchen für Timing. Der Mann versteht (wahre) Geschichte und Geschichten zu erzählen.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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