Ihr Hobby ist die Lobby
| Titel | Der grosse Ausverkauf |
| Filmbewertung vom | 14.05.2007 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Alles was schlecht ist Herrschaften – noch verdurstet niemand in der deutschen Service-Wüste. Zugegeben, Kunden der Deutschen Telekom beispielsweise sitzen oft und lange wegen unerfindlicher Weichenstellung auf dem Trockenen. Im Einzelfall eine missliche Angelegenheit. Nimmt man die systembedingten Schaltfehler im Quadrat, ist das sicher kein Klacks. Andrerseits: Gibt es nichts Schlimmeres unter der Sonne? Doch, gibt es. Eine relativ neue Geschäftsvision etwa, die der Ursachenforschung einerseits als Auslöser für tiefschwarze Zahlen dient, sich verharmlosend Privatisierung nennt, gleichwohl zahllose Unternehmen oder Institutionen zur Strecke gebracht hat. Diesem Rollover-Sog sind oft auch stabile Gebilde nicht gewachsen. So erscheint es irgendwie logisch, dass der ohnehin krisengeschüttelte Kommunikationsriese und einstige Börsendarling seine uneffizienten Kräfte bündelt, um sich selbst zu eliminieren. Wäre es nur ein Rendite gesteuertes Symptom, das für die Übernahmesakramente reif ist, könnte man die wirtschaftspolitischen Notizen aus der Provinz ablegen. Wie sich dem überaus treffend betitelten Dokumentarfilm von Florian Opitz entnehmen lässt, geht es aber um sehr viel mehr.
Unsere Welt wird privatisiert, postuliert DER GROSSE AUSVERKAUF und untermauert diese abstrakt klingende These mit haarsträubenden Fall-Beispielen aus verschiedenen Kontinenten. Er zeigt auf, mit welchen Mitteln der „entmenschlichte Prozess“ vorangetrieben wird, mit welchen Konsequenzen „die schleichende Entwicklung“ einhergeht. „Die Geschichte des globalen Privatisierungswahns ist kurz und sie ist keine Erfolgsstory,“ sagt Opitz.
Der Wahnsinn hat Methode und meint die Ausdehnung seiner privatwirtschaftlichen Interessen auf ehemals gemeinnützige Bereiche. Es bedeutet den möglichst leisen Rückzug der Gesellschaft aus der kollektiven Verantwortung, verbunden stets auch mit zunehmender Entsolidarisierung. Da sich nirgendwo gesellschaftspolitische Gegenmodelle abzeichnen, nimmt die Entwicklung mit ansteigender Tendenz ihren verhängnisvollen Lauf. Während die Privatisierung bereits ihre Kinder frisst, kommt die Analystenlaune mit jeder neuen Zwangsgeburt auf Touren. Derzeit läuft der Countdown zur „Marktöffnung“ der Deutschen Bahn, obwohl der bereits vollzogene Umbau bei Stromkonzernen, zahlreichen Wasserwerken, Krankenhäusern und Sozialwohnungen zumindest das partielle Scheitern der neuen Marktlehre signalisiert.
Florian Opitz machte bei seinen Recherchen bedrohliche Aspekte der privaten Geldvermehrung aus. In den südafrikanischen Townships Soweto begleitet er Bongani und sein Team bei der Arbeit als „Guerilla-Elektriker.“ Der schließt die Häuser jener wieder ans Stromnetz an, die zu arm sind, um ihre Rechnungen mit dem Privatversorger zu begleichen. Vier Monate nach den Dreharbeiten stirbt der Schwarzafrikaner unter ungeklärten Umständen. In England geht er dem Thatcher-Kahlschlag bei der ehemals staatlichen British Rail nach. Lokführer Simon erzählt vom heutigen Zustand des Verkehrsunternehmens, dessen Umstrukturierung seither regelmäßig neue Besitzverhältnisse nach sich zog, in dem das Reisen einem logistischen Himmelfahrtskommando gleicht, vom maroden Schienennetz, das schon zu tödlichen Unfällen geführt hat. Im philippinischen Slum zeigt er Minda bei ihrer verzweifelten Anstrengung, für den Dialyse kranken Sohn Geld aufzutreiben. Auch diese Region bleibt nicht vor dem neoliberalen Phänomen verschont; das Gesundheitssystem gewährt medizinische Versorgung nur noch gegen Cash. In der drittgrößten Stadt Boliviens schließlich wird der deutsche Filmemacher Zeuge eines wütend ausgetragen Zweikampfes zwischen David und Goliath.
Die Bürger Cochabambas legten sich mit dem US-Konzern Bechtel an, der kurzfristig die Wasserversorgung unter seine Kontrolle brachte und daraufhin die Trinkwasserpreise auf ein Viertel des durchschnittlichen Monatsgehaltes der Einwohner hochschraubte. Trotz Verhängung des Kriegsrechts war der Aufstand erfolgreich. Die amerikanischen Investoren hatten sogar das Sammeln von Regenwasser unter Strafe gestellt.
Wie bedenklich die desperaten Glaubenssätze der üblichen Verdächtigen sind, macht die Haltung des ehemaligen Chefökonomen der Weltbank und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Professor Joseph E. Stiglitz, klar. Er bekämpft inzwischen als Kronzeuge das einst von ihm verantwortete Dogma der extremen Profitmaximierung.
Fazit DER GROSSE AUSVERKAUF porträtiert seine Protagonisten mit beispielhafter Sensibilität. Und wenn Opitz unüberhörbar suggeriert, dass uns in abgemilderter Form bald Ähnliches widerfahren könnte, glaubt man ihm der erdrückenden Beweislage wegen sofort.
Ein thematisch überfälliger Film, der überdies zum passenden Termin in die Kinos kommt; vom 06. Bis 08. Juni 2007 findet bekanntlich der G8-Gipfel in Heiligendamm statt. Beachtung verdient er aber auch bei der fälligen TV-Auswertung. An Primetime-Qualität fehlt es ihm wahrlich nicht.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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