Die Heilige und der Sex.
| Titel | Irina Palm |
| Filmbewertung vom | 11.06.2007 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Marianne Faithfull – das ist heute reiner Wohlklang. Einige Pop-Dekaden früher maß der Musikproduzent Andrew Loog Oldham dem Sweet-Little-Sixteen-Girl noch wahlweise die Prädikate Marsriegel-Marianne oder „Engel mit den riesigen Titten“ zu. Oldham hatte seinerzeit die Rolling Stones unter Vertrag, somit war ihm jede Körbchengröße vertraut, an der seine Schützlinge ihren kreativen Akku aufluden. Mick Jagger und Keith Richards teilten sich Groupie Marianne, gemeinsam stand man eine Weile unter (Drogen)-Strom, ging dann getrennte Wege. Die Stones machten eine Superkarriere und tingeln seit gefühlten hundert Jahren um den Erdball. Marianne Faithfull streifte mühsam ihr Image als leichte Muse der Rockgiganten ab (nach eigener Einschätzung „ein undankbarer Job“), trat dann und wann wie ein Wetterleuchten musikalisch und darstellerisch aus dem Schatten der alten Freunde, schien aber überwiegend damit beschäftigt, ihren exzessiven Drogengenuss (auch literarisch) zu bekämpfen.
Nun gab der deutschstämmige Regisseur Sam Garbarski dem späten Mädchen Gelegenheit, alle bisherigen Fingerübungen einem echten Höhepunkt zuzuführen. Als „wichsende Witwe“ IRINA PALM wird sie zum künstlerischen Ereignis.
Maggies (Marianne Faithfull) kleiner Enkelsohn Olly ist sterbenskrank. Sein Leben kann nur durch aufwändige medizinische Behandlung in Australien gerettet werden. Sohn Tom (Kevin Bishop) und dessen Frau Jane Jenny Agutter) sind pleite. Da ihre eigenen finanziellen Mittel bereits erschöpft sind, schaut sie sich, weit weg von der eigenen Vorstadtidylle, nach geeigneter Arbeit in London um. So stolpert sie in das „Sexy World“ von Soho. Das Etablissement vergibt einen Job, mit dem die biedere Frau mittleren Jahrgangs keine konkreten Vorstellungen verbindet: „Hostess gesucht.“ Clubinhaber Miki (Miki Manojlovic) klärt die zögerlich einwilligende Maggie en dètail über die Stellenausschreibung auf; sie soll Männer manuell befriedigen. Schnell erweist sich, dass die naive Großmutter für diese Spezialmassage ein gesegnetes Händchen mitbringt. Die Kunden stehen Schlange vor ihrer Kabine, lassen sich durch ein Loch in der Trennwand den Druck nehmen und verschwinden wieder in der Anonymität. Selbst Miki macht den Rubbeltest - und ist von Maggies Geschmeidigkeit begeistert. Das will bei einem Zuhälter, dessen Männlichkeit dauerhaft auf Spritztour steht, schon was heißen; der Deal rechnet sich für Beide. Miki entlohnt gut und gern, er adelt die fleißige Entspannungskraft sogar mit einem Künstlernamen. Die frisch gekürte Irina Palm arbeitet so hart am Mann, dass sie sich einen „Tennisarm“ einhandelt. Um einem Triebstau im „Sexy World“ vorzubeugen, bedient sie ihre Klientel zeitweise mit links. Kitzliger ist die Sache mit der branchentypischen Konkurrenz und wirklich heikel die Spurensuche des eigenen Sohnes. Während sich die unfreundliche Übernahme von Irina Palm noch elegant abwehren lässt, stößt Tom mit der Entdeckung des mütterlichen Erwerbssinnes ein konfliktträchtiges Tor auf. Und doch wird er angesichts des todgeweihten Kindes seinen Zorn und die Weigerung von dieser Ejakulationsquelle zu partizipieren, zurückstellen müssen. Schließlich kommt man überein, dass die Familie gemeinsam nach Australien fliegt. Maggie Pläne indes haben sich geändert. Sie stellt ihre Koffer beim Vorortbahnhof ab und verzichtet auf die Reise. Nicht zuletzt, weil sie inzwischen Mikis menschliche Qualitäten zu schätzen gelernt hat. Daraus den Schluss zu ziehen, dass er künftig alleiniger Nutznießer der zarten Versuchung Irina Palms sein wird, ist sicher statthaft.
Fazit Sam Garbarskis Arthouse-Hit „Der Tango der Rashevskis“ (2004) war bereits ein wunderbares Versprechen. Mit „Irina Palm“ hat er es bestätigt. Der in Deutschland geborene und aufgewachsene Regisseur erntete bei den Filmfestspielen in Berlin für seine thematisch gewagte, sehr britisch angelegte Mischung aus Tragik und Komik verdienten Beifall. Und er hatte Marianne Faithfull.
Unglaublich, was er aus der Frau herausholte. Die Titelrolle war der von Drogen und Männern Gebeutelten offensichtlich ein Rauschmittel. Einen Part wie Irina Palm zu übertreffen, dürfte im Herbst ihrer Laufbahn kaum mehr passieren.
Ein Jammer, dass ihr Potential nicht eher erkannt wurde.
Miki Manojlovic, bei uns vornehmlich durch Emir Kusturica-Filme bekannt („Papa ist auf Dienstreise,“ 1985 / „Schwarze Katze, weißer Kater,“ 1998), ist die perfekte Ergänzung zum Hausfrauenflair Irina Palms. Eine so schmierige Halbweltgröße, der man ihre gebrochenen Züge auch abnimmt, gab es lange nicht zu bestaunen.
Bei Filmen wie diesen macht man sich gern ein paar schöne Stunden im Kino.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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