Projekt Gold - Eine deutsche Handball-WM - Redaktionelle Kommentare Film

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Wir sind Helden

TitelProjekt Gold - Eine deutsche Handball-WM
Filmbewertung vom25.07.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Projekt Gold - Eine deutsche Handball-WMFilm Bewertung
Weiß der Sönke, warum wir nie einen international respektablen Spielfilm über den Sport, seine großen Legenden, seine Mythen hervorgebracht haben. Selbst auf „Das Wunder von Bern“ und Klinsis letzt jähriges Sommermärchen folgte wenig mehr als gesammeltes Schweigen. Realistischerweise muss man davon ausgehen, dass der Sportnation Deutschland in dieser Kategorie weiterhin Gold versagt bleibt. Im Einzelfall mag der künstlerischen Abstinenz das alte Nazi- und/oder DDR-Trauma zugrunde liegen. Andrerseits sind politisch korrekte Helden ohne Ecken und Kanten langweilig. Und obendrein ist ihre Markt verwertbare Süße inzwischen selten frei von Steroide. So erreicht (außer dem ergrauten Kaiser Franz) kaum noch ein Athlet die gesellschaftlich akzeptierten Öchslegrade. Vor allem: Wer könnte ihn ins rechte Bild setzen? Doch wahrscheinlicher dürfte ein Verzicht aus Tradition sein: wir können es eh nicht, unsere Paradedisziplin ist die Dokumentation. Gut, warum nicht?

Die Handball-WM bot ja in der Tat exzellente Perspektiven für eine Spiegelung des Mega-Events. Regisseur Winfried Oelsner nahm im Schlepptau der weit populäreren Kicker die Beine in die Hand, um über den Kampf ins Spiel zu finden, das Erlebte in ein Wintermärchen zu verwandeln. Ohne die Brand-heiße Spielweise, die im Finalsieg der deutschen Mannschaft gipfelte, hätte das Projekt freilich kaum über eine normale Sportschau-Nachbetrachtung hinausgereicht. Oelsners Glück war, dass sich das Team vor eigenem Publikum als enorm steigerungsfähig erwies und so das Wir-Gefühl in und außerhalb der Köln-Arena zum Kochen brachte. Von den Schützlingen Heiner Brands (als Aktiver 1978 selbst Weltmeister) erwartete der Fan, im Gegensatz zu Klinsmanns Fußball-Diven nicht zwingend den Titel.

Dafür schien das sportliche Leistungsprofil der Handballer nicht ausgelegt. Dennoch machten die Wurfakrobaten das Undenkbare wahr. Plötzlich standen statt Podolski, Schweinsteiger oder Lehmann, völlig Namenlose wie Hens, Fritz, Zeitz und Schwarzer an der Medien-Rampe. Wir waren wieder einmal alle Helden.

Gleich die erste Begegnung gegen Polen ließ keine Zweifel aufkommen, dass die Trauben für die deutsche Auswahl sehr hoch hängen. Nach diesem Zitterspiel schwand auf einigen „Public Viewings“ zunächst die Hoffnung auf ein respektables Abschneiden des gastgebenden Außenseiters. Es kam anders, es kam besser. Projekt Gold war für Spieler wie Betreuer ein emotionaler Kraftakt, dessen Krönung allerdings auch (man darf es ruhig zugeben) von gnädigen Schiedsrichterentscheidungen begünstigt wurde. Die kinotaugliche Nachbearbeitung der denkwürdigen Wettkämpfe ist dagegen ernüchternd. Mit geringen Abstrichen stellt sich das Filmtagebuch als bedächtige Kopie des Wortmann-Märchens heraus. Die überschäumende Freude im Kölner Kessel mitsamt den Statements von Coach Heiner Brand und anderen Betreuern hautnah eingefangen zu haben, ist – technisch gesehen – kein Kunststück, eher Minimalanspruch an eine Dokumentation. Stimmt die Position, registrieren die Kameras das Geschehen wie von selbst. Bleibt noch der heute obligate Klatschmohn aus den Katakomben zu erwähnen. Diese so genannten Impressionen suggerieren eine Vertiefung in das Wesen der extrem schnellen Sportart und in die Antriebskräfte seiner Protagonisten, zeigen Motivationsmaschinen, taktische Finessen, seelische Anspannung, körperliche Anfälligkeit und dienen letztlich doch nur der Entzauberung der Stars. Sicher ist es interessant, wenn der dynamische Pascal „Pommes“ Hens seinem Faible für ausgefallene Frisuren nachgibt, Publikumsliebling Mimi Kraus offenbaren lässt, wie er im Jahre 2000 zum „Bravo Boy“ gekürt wurde. Aber wer derartig persönliche Details wichtig findet, holt sich besser in den Talkrunden einen Nachschlag.

Fazit
Die Kinoleinwand ist schon wegen der sich selbst überholenden Aktualität eine Nummer zu groß für das Projekt Gold. Im nächtlichen Fernsehgarten könnte es sich hingegen als Nostalgiegewinn für den harten Kern der Fanmeilen erweisen. Immer aufs Neue „die Polen weg zu hauen“ – das wär`s doch.

Bewertung
40%

© 2012 Martin Graetz
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