Die schöne Närrin
| Titel | Angel - Ein Leben wie im Traum |
| Filmbewertung vom | 06.08.2007 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Bei seinen bisherigen Arbeiten widerstand Francois Ozon überwiegend der Versuchung, narrative Leerstellen mit übertrieben flauschiger Bedeutung aufzuladen. Ob SITCOM (1998), UNTER DEM SAND (2001), SWIMMINGPOOL (2003) oder DIE ZEIT, DIE BLEIBT (2005) – stets gelangen dem französischen Ausnahmeregisseur diskutable TROPFEN AUF HEIßE STEINE (2000). So müssen für den ANGEL - Macher triftige Gründe herum gelegen haben, sich im seichten Land vor unserer Zeit als hochfliegender Traum zu kostümieren. Aber welche? Drängte sich doch die literarische Vorlage - der 1957 erschienene Roman der britischen Schriftstellerin Elizabeth Taylor - jahrzehntelang keinem Studio als potentieller Hit auf. Das war eigentlich in Ordnung. Wie auch immer; der große Bewunderer Reiner Werner Fassbinders fühlte sich für seiner erste englischsprachige Produktion von Plüsch und Pomp des 19. Jahrhunderts angezogen. Mit ANGEL im Wunderland, der ausladenden Manierismusversion von Scarlett O`Hara, hat Ozon sein Idol freilich schamlos hintergangen; da hilft kein Pudern und kein Schminken. Über den bislang schwachen Publikumszuspruch in anderen Regionen lässt sich zudem eine kommerzielle Bruchlandung hochrechnen. Bleibt abzuwarten, ob der Kostüm-Dreh auf der Insel bei Frankreichs cineastischer Wunderwaffe, die so gern aus der Realität flieht, einen heilsamen Schock und somit die Abkehr von edlen Gefühlen aus der Pilcher-Welt bewirkt. Denn: „Viele Filme machen, damit mein Leben zum Film wird“ (wie auf einer Fassbinder-Gedenktafel geschrieben steht), kann auch bedeuten, unter statistischem Geröll begraben zu werden.
Der Grundgedanke des Films besticht durchaus: Was geschieht mit einem Menschen, dessen maßlose Wünsche sich erfüllen?
Ist er nicht zwangsläufig charakterlichen Deformationen ausgesetzt, wenn sein Traum von Erfolg, Ruhm und Liebe wahr wird? Gute Fragen, wichtige Fragen – nur eben schon tausendfach in allen denkbaren Variationen über den literarischen oder visuellen Leisten gezogen und oft viel schlüssiger behandelt. Der Einstieg in die beschädigte Psyche von Angel (Romola Garai) vollzieht Ozon in einer so absehbaren Weise, dass man die heraufziehende Tragödie gefasst hinnimmt. Das Mädchen wächst in Norley, einer ländlicher Region Englands auf. Ihr Leben nimmt einen zunächst ärmlichen, aber unspektakulären Verlauf. Wie das so ist, mit den jungen Dingern; sie finden sich schlecht mit provinzieller Enge und demütigendem Kleineleute-Dasein ab. Angel will nicht nur beiden Übeln entfliehen. Sie strebt nach Höherem. Ihre Mutter (Jacqueline Tong) betreibt einen kleinen Gemischtladen und bringt so beide mühsam über die Runden. Ansprechender erscheint ihr das großbürgerliche Palais „Paradise House,“ an dem sie ihr Schulweg jeden Tag vorbei führt. Dieses Monument der Pracht und der Herrlichkeit düngt sie ihrer übersteigerten Vorstellung von Wohlstand angemessen. In der Villa wohnt Erfolg und Luxus. An solcher Lebensart möchte Angel teilhaben. Eselsgleich läuft sie hinter der Mohrrübe, um in den elitären Dunstkreis ihrer fiebrigen Phantasie zu kommen. Ohne ihr Schreibtalent hätten ihre Träume allerdings nie fliegen gelernt. Angel verfasst schwülstige Romane voller Pathos und zeitgeistiger Sentenzen. Und ihr Verleger Theò (Sam Neill) weiß, was Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wünschen. Er erkennt Angels Marktwert entgegen dem Rat seiner Gattin (Charlotte Rampling) und verhilft der schönen Närrin zu jenem gesellschaftlichen Status, der ihr alles bedeutet; endlich ist sie reich, angesehen und in der Lage das inzwischen zum Verkauf stehende Anwesen „Paradise House“ zu erwerben. Bei einem Empfang lernt sie Nora (Lucy Russell) und deren Bruder Esmè (Michael Fassbender) kennen. In der unausgefüllten Lady findet Angel eine glühende Verehrerin, im erfolglosen Maler Esmè ihr vermeintliches Glück.
Beide werden schließlich Bestandteil des Hofstaats. Angel pflegt in immer neuen Büchern ihr idealisiertes Weltbild – bis sie die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs persönlich einholen. Jetzt macht die Prinzessin der Illusionen eine seelische Zäsur durch und wendet sich gegen den Krieg. Von flammendem Pazifismus ihrer Lieblingsautorin irritiert, kündigt ihre Leserschaft die einst treue Gefolgschaft auf. Als dann der geliebte Mann verstümmelt aus dem Feld zurückkehrt, seine bedrückenden Erinnerungen in Alkohol ertränkt, sich mehr und mehr zurückzieht und am Ende den Freitod wählt, bieten sich dem ambivalenten Charakter Angels späte Einsichten: Geld und Ruhm schützt nicht automatisch vor Dummheit. Ein zwischen Buchseiten versteckter Brief klärt sie auf, dass das gegenüber der Öffentlichkeit benannte Ableben Esmès („tragischer Herztod“) in einem folgenreichen Vorspiel zu einer anderen Frau gipfelte. „Angel“ ist eine Ausstattungsrevue, die historische Bezüge antippt, sich der Form nach melodramatisch aufdonnert, aber seine Figuren letztlich an die Kitschbrüder verfüttert - hätte man nicht gedacht vom Franzosen.
Fazit Es macht nicht einmal den Eindruck, als habe sich seine Besetzung mit dem Stoff wirklich angefreundet.
Ein enttäuschender Film, der morgen vergessen sein wird.
Bewertung
20%
© 2012 Martin Graetz
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