Ein fliehendes Pferd - Redaktionelle Kommentare Film

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Rainer Kaufmanns Ritt über den Bodensee

TitelEin fliehendes Pferd
Filmbewertung vom17.09.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Ein fliehendes PferdFilm Bewertung
Der immergrüne Marcel Reich-Ranicki soll die gleichnamige Novelle Martin Walsers nach Erscheinen 1978 als das „reifste, das schönste Buch“ des Autors gewürdigt haben. Drei Jahrzehnte später entblößt das ehemalige Mitglied der Gruppe 47, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (1998) und Georg-Büchner-Preisträger (1981) mit dem „Tod eines Kritikers (2002) vor aller Welt seinen inneren Schweinehund. Marcel Reich, dessen wortgewaltiger Antipode, vermochte Walsers „satirischen Blick auf den Kulturbetrieb,“ insonderheit der eigenen Rolle darin, nicht überzeugend standzuhalten und die wechselseitige Sympathie war perdu.

Nun gibt es einen eher nebensächlichen Anlass, über Martin Walsers literarisches Schaffen zu reflektieren – Regisseur Rainer Kaufmann fasste das bekannteste Buch des deutschen Erfolgsschriftstellers in schöne Bilder. Ob den Autor sein Renommee unter Inanspruchnahme der aktuell verfilmten Schullektüre zu neuen Ufern führt, sei dahingestellt, ja sehr fraglich. Bereits 1986 richtete Peter Beauvais das Beziehungskarussell nach einem Drehbuch des kürzlich verstorbenen Ulrich Plenzdorf für das Fernsehen ein. Es war seinerzeit trotz guter Besetzung (Rosel Zech, Vadim Glowna) kein großer Bringer. Doch bei der Ankündigung, dass Film- und TV-Routinier Kaufmann der Privattragödie aufs Pferd helfen soll (von der die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG meint, „die Geschichte könnte zu dem gehören, was einmal übrig bleibt von einem Jahrhundert“), fühlt man sich schon vorauseilend mehr geschüttelt als gerührt. Denn sieht man von „Die Apothekerin“ (1997) einmal ab, bleiben zwischen „Stadtgespräch“ (1995) und „Vier Töchter“ (2006) kaum Arbeitsproben übrig, die den bald 50 -jährigen Frankfurter prädestinierten, aus dem Stoff eine kongeniale Umsetzung zu fertigen. Inzwischen bestätigt sich: bitter „Kalt ist der Abendhauch“ (2000) für das fliehende Pferd. Schon seit vielen Jahren verleben Studienrat Helmut (Ulrich Noethen) und Gattin Sabine (Katja Riemann) ihre Sommerferien am Bodensee; Touristen wie du und ich, die sich anspruchslos der erkauften Idylle überlassen. Dann geschieht Unerwartetes. Im Strandbad werden die beiden von Helmuts lebenslustigem Jugendfreund Klaus Buch (Ulrich Tukur) gestellt. Der ist völlig konsterniert, weil ihn Helmut nicht mehr erkennt. Mit immer neuen Beweisen versucht er, die gemeinsame Vergangenheit wachzurufen, weicht nicht von der Seite der Eheleute und bestimmt bald das Tagesprogramm der noch zu verbringenden Ferientage; ein garantierter Verdruss für Helmut. Und hätte Klaus nicht seine attraktive Freundin mitgebracht, würde ihm die Durchdringung seiner verheimlichten Innenwelt noch qualvoller erscheinen. Für die erotische Ausstrahlung Helenes (Petra Schmidt-Schaller) ist der grüblerische Helmut durchaus empfänglich. Sabine wiederum imponiert Klaus` nassforscher Charme. Als sie von einer Wanderung zurückkehren, galoppiert ihnen ein Pferd entgegen, hält am Wiesenrand inne, Klaus schwingt sich auf dessen ungesattelten Rücken und reitet quer durch die Flora. Danach stilvolles Absitzen und Dozieren: „Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei.“ Da soll es Sabine nicht den Atem verschlagen. „Der sieht ja aus wie König Artus!“ entfährt es ihr bewundernd. Nach manch minderlustiger Unternehmung der Paare verabreden sich schließlich die beiden „Freunde“ zum gemeinsamen Segeltörn. Es wird also die schon traditionelle Clearingstelle für hartleibige Kunstfiguren angerufen. Dabei ist keine Pferdeapfel vor der Ausdeutung irgendwelcher Symbole und Metaphern sicher.

Fazit
Im Jahre 1985 schrieb Walser die Novelle zu einem Drama um. Der Film basiert auf der ursprünglichen Literaturform. In ihr soll der Leser zu kritischer Betrachtungsweise angeregt werden. Schmerzlich, aber wahr: Jeden Tag nehmen wir die Midlifecrisis und deren Bewältigungsmöglichkeiten (zumindest unbewusst) als permanenten Gegenwartsbezug wahr. Da möchte man visualisierten Lebensmaximen anderer schon gern was absehen. Dieses Beispiel verfilmter Lektüre, in dessen Zentrum zwei 46-jährige Männer Pubertätsparallelen durchleiden, kann freilich nur eingeschränkt dienlich sein.

Beim gut gemeinten Versuch, über gehobenes Fernsehniveau hinaus zu kommen, streift „Ein fliehendes Pferd“ die Hürde; nicht zuletzt wegen vermeidbarer Webfehler. Wenn Helmut vom Steg aus in den offenen Bodensee schwimmt und Sabine ihm ein albernes „wo willst du denn hin“ nachruft, hat das weniger mit Walser, als mit Vorabendserie zu tun. Was die Darsteller angeht: Ja, sie machen ihre Sache ganz gut, könnten mit diesem Stück aber auf der Bühne wirkungsvoller agieren.

Vor den Dreharbeiten soll Martin Walser gesagt haben: „Macht mal eueren Film.“ Das fand Rainer Kaufmann toll und jetzt findet er natürlich auch das von ihm verschuldete Ergebnis toll. Bliebe noch einmal Walser mit der sich stetig wiederholenden Erfahrung zu zitieren, dass wir nicht in der besten aller Welten leben.

Bewertung
60%

© 2012 Martin Graetz
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