Ich will dich - Begegnungen mit Hilde Domin - Redaktionelle Kommentare Film

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Die Spätberufene

TitelIch will dich - Begegnungen mit Hilde Domin
Filmbewertung vom05.11.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Ich will dich - Begegnungen mit Hilde DominFilm Bewertung
Ihre Dichtung stehe außerhalb jeder Regel, befand Marcel Reich-Ranicki in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preise an die Lyrik-Ikone 1995. Vor knapp einem Jahr, Ende Februar 2006, gab die Sechsundneunzigjährige ihr Leben zurück. Bereits zur Jahrtausendwende legte sie mit dem Gedichtband “Der Baum blüht trotzdem“ ein Buch des eigenen Abschieds vor. Es bezieht künstlerisch überhöht die Bewusstwerdung als Dichterin ein und kann in Teilen als Ode an Ehemann Erwin Walter Palm gelten. Der Kunsthistoriker war widerwillig Zeuge ihrer Dichtergeburt. Ihm gegenüber gab die inzwischen gut Vierzigjährige eines Morgens 1951 zu Protokoll: „Ich habe ein Gedicht geschrieben.“ Dass sich mit diesem Satz das bedeutendste deutsche Talent ihrer Generation ankündigte, dass ihre Werke einst in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und mit internationalen Preisen überhäuft würden, konnte Palm und die Welt nicht ahnen. Posthum wird Hilde Domin nun durch Anna Ditges eine weitere Ehrung zuteil. Die Kölner Filmemacherin (geb. 1978 in Bonn) begleitete die Grande Dame der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur mit sehr eigenwilligem Blick und „ausgeprägter dramaturgischer Intuition“ (wie der federführende Redakteur des WDR treffend anmerkt) während der letzten zwei Jahre ihres spannungsreichen Lebens.

Ditges stieß zufällig auf Domins ersten Gedichtband mit dem Titel: „Nur eine Rose als Stütze.“ Bewegt von der sprachlichen Klarheit der Texte nahm sie Kontakt zu der nach Jahren des Exils in Heidelberg wohnenden Schriftstellerin auf, freundete sich mit ihr an, wurde Teil ihres Alltags und gewann sie so für die Reise quer durch die Erinnerungen ihrer unkonventionellen Persönlichkeit. Der Besuch bei der alten Dame, die als Zeitzeugin auch ein Stück deutscher Kultur und Geschichte verkörpert, hat sich für die junge Regisseurin gelohnt und man wagt zu hoffen, auch für den Zuschauer.

Denn selbst Literaturunkundige dürften durchaus von den „Begegnungen“ mit dieser Spätberufenen fasziniert sein. Der erste abendfüllende Dokumentarfilm von Anna Ditges ist noch nicht von jener klebrigen Kunstschicht überzogen, die den meisten TV-Features anhaftet. Die Absolventin der Hochschule für Medien Köln war bei dem Vorhaben, Vielschichtigkeit und Einzigartigkeit Hilde Domins herauszuarbeiten, in Personalunion Regisseurin, Kamerafrau und Cutterin. Auf höchst flexible Weise entstand so das Porträt einer Frau unter Einfluss, „die für mich wie ein lebendiges Buch war, in dem ich über das vergangene Jahrhundert lesen konnte.“ Und zu lesen gab es eine Menge. Aus insgesamt 130 Stunden Material erstellte Ditges raue, direkte 95 Min. Kino, in denen sich die wesentlichen Züge der in Köln als Jüdin Hilde Löwenstein geborenen Domin offenbaren. 1932 emigrierte die mit ihrem Lebensgefährten Erwin Walter Palm zunächst nach Rom, später nach England und 1941 weiter in die Dominikanische Republik. Ihr Pseudonym „Domin“ sollte sie an ihre langjährige Exilheimat Santo Domingo (und vielleicht an den Beginn ihrer Karriere) erinnern. Erst 1954 kehrte sie nach Deutschland zurück. Im August 1988 verstarb Erwin Walter Palm, mit dem sie nicht nur (kinderlose) Liebe, sondern langjährige Rivalität verband. Hilde Domin blieb in Heidelberg. Die Stadt verlieh ihr zum 95. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde.

Fazit
Mit den komprimierten Merkmalen der Schriftsteller-Vita sei der Rahmen angedeutet, innerhalb dessen sich dem Betrachter ein intimer Zugang zur exzentrischen Person Hilde Domin und ihrem künstlerischen Schaffen erschließt. Darin spiegeln sich Heimat, Identität, Liebe, Verlust und Tod – zentrale Themen ihrer Gedichte, die der Film mehrfach aufgreift. Besonders die Momente, in denen sich die körperliche Hinfälligkeit der Frau drastisch zeigt - etwa wenn sie den Friedhof vergeblich nach dem Grab Erwins absucht, oder in Köln, der „versunkenen Stadt“ jenes Haus betritt, in dem sie einst aufwuchs – gehen nahe.

Anna Ditges hat eine äußerst kontrastreiche Dokumentation geschaffen. Man sollte sie der besseren Konzentration wegen im Kino genießen.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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