Moritz, der Quotenfuchs
| Titel | Free Rainer |
| Filmbewertung vom | 12.11.2007 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Das letzte Zusammentreffen von Phantasie und Wirklichkeit hat Hans Weingartner, Ziehsohn der Kölner Hochschule für Medien, wohl ganz einfach verschlafen. Ansonsten wäre seinem satirisch überbackenen Lehrstück von der Macht ziviler Revolte eine erheblich größere Durchschlagskraft gelungen. Hat der einst hoch Gehandelte bereits während der fetten Jahre sein Kreativpulver verschossen, nur noch darauf bedacht seine Führung in der Weltverbesserungsliga auszubauen? Oder ist Weingartners pädagogische Standpauke nur ein künstlerischer Aussetzer? In seinem neuen Film geißelt er die Verblödung der Gesellschaft durch eine auf Einschaltquoten fixierte Unterhaltungsindustrie. Der noch immer einflussreichste Kommunikationszweig habe geistige Verarmung der Masse zur Folge. Wobei Intellektuelle offensichtlich fein raus sind, „weil sie selber kaum Fernsehen gucken.“ Dschungelshows und Superstar-Endlosschleifen bleiben demzufolge dem gemeineren Volk vorbehalten. Andererseits aber versage eben diese gehobene Klientel, weil sich ihr nicht erschließe, in welchen Dimensionen die „Boulevardisierung“ des Mediums voranschreite. Das Schlüsselwort für all das Ungemach heißt Quote.
Das Thema lohnt ein paar Gesprächseinheiten. Hierin liegt auch die wesentliche Rechtfertigung für die Produktion. Welche Kriterien werden mit welchem Maß an voraussehbarer Genauigkeit bei der Ermittlung des Zuschauerechos bei redaktionellen Beiträgen, Filmen oder Werbeblocks zugrunde gelegt, wie verlässlich ist die Black-Box, die etwa 5000 Haushalten zur Verfügung gestellt wird?
Unbestreitbar ist: Wenn denn eine Körperschaft auf breiter Front Schelte herausfordert, dann die Versender schwachgeistigen Zeitvertreibs. Und wann immer sich die Gelegenheit zur Unterminierung des staatlich sanktionierten Stumpfsinns bietet, sollte man freudig zupacken. Dabei gerade als Insider die Mittel ironisch-sarkastischer Brechung zu nutzen, ist eigentlich Pflicht. In Form einer Klamotte ist der Medienkosmos freilich nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen; damit leistet man allenfalls weiteren Simplifizierungen Vorschub. Die aktuelle Bestätigung dafür liefert „Free Rainer,“ ein hochnotpeinlicher Seitentrieb im Baum der Verwirrung, der Manipulation, der Vorurteile und der Spekulationen.
Der Film versucht die gesellschaftlichen Auswirkungen der so genannten TV-Quotenbox zu erhellen und entwirft für seinen Protagonisten sogleich Handlungsbedarf. Alsbald vereinnahmt der mit seinen Getreuen theoretische Marktanteile. Mag es oft an technischem Geschick der Hilfswilligen fehlen; die Probe aufs fragwürdige Exempel ist dennoch geglückt, Rainer kommt durch. „Hol `dir das Superbaby,“ ein lange erfolgreiches Spermienwettrennen, wird von Fassbinder-Specials verdrängt. So könnte die kulturelle Gegenrevolution in Gang kommen.
TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu), aus Sicht von Hans Weingartner ein typischer Zulieferer des Unterschichtenfernsehens, lebt auf der Überholspur. Mit seinem TV-Müll steht er gleichwohl auf der Kippe. Wie gut, dass dem koksenden Star des Senders TTS ein junges Ding (Elsa Sophie Gambard) absichtlich in die Nobelkarre grätscht. Denn daraus lässt sich wunderbar, wenn auch nicht plausibel, Rainers große Wandlung vom Saulus zum Paulus ableiten. Zusätzlich hilft der Umstand, dass der Großvater seiner Unfallpartnerin von Report 24 fälschlicherweise des Dopings als Schwimmtrainer bezichtigt wurde und deshalb flugs aus dem Leben schied. Verantwortlich für das Skandal-Magazin zeichnet Rainer. Noch Fragen bitte? Also weiter im Text. Der abgebrühte Vertreter des Fernsehkraken will mit neuen Visionen auf den Kulturzerfall Einfluss nehmen, als gelernter Zyniker das sorgsam gehütete Zählsystem der Marketing-Box für die eigenen (selbstverständlich hehren) Zwecke manipulieren; also mit Hilfe Neil Postmans auf den Kopf gestellter These: Fernsehen wurde nicht für Idioten geschaffen - es erzeugt sie.
Der bundesdeutsche Tagesdurchschnitt von derzeit vier Stunden Glotze macht dagegen - real gesehen - wenig Hoffnung auf Kursänderung. Trösten wir uns. Es würde ohnehin nicht lange dauern, bis so ein gewendeter Rainer wieder in die alten Trash-Idiome verfiele. Das klingt dann so: „Unsere Zuschauer sind opportunistisches Pack.“
Fazit Die Thematik von „Free Rainer“ ist super. Aber selbst wenn man Vorbilder wie „Network,“ (1976) unberücksichtigt lässt, bleibt der Film auf der Strecke. Ein hektisch chargierender Zampano, wie ihn (der häufig überbewertete) Moritz Bleibtreu als Hauptdarsteller zum Besten gibt, macht noch keinen glaubhaften Charakter. Das entscheidende Manko beim Furor auf den Platzhirsch Fernsehen brockt sich der Film ausgerechnet dort ein, wo er seinerseits punkten müsste. Phasenweise ist er nämlich nicht besser, als das Objekt seiner Kritik - langweilig, geschwätzig, mit unsinnigen Nebensträngen ausstaffiert und schauspielerisch erdrückend eindeutig auf den kleinen Moritz zugeschnitten.
Wie gesagt, die Filmidee ist ein Volltreffer. Leider beschäftigt man sich nach dem Kinobesuch trotzdem mehr mit der digitalen Einspeisung der 5000. Wie mag das im Einzelfall bei der Wahl von Titten, Tore, Temperamente ablaufen.
Bewertung
40%
© 2012 Martin Graetz
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