4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage - Redaktionelle Kommentare Film

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Überwiegend schmerzhaft

Titel4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
Filmbewertung vom19.11.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
4 Monate, 3 Wochen und 2 TageFilm Bewertung
Mit diesem Beitrag ging erstmals in der 60-jährigen Festivalgeschichte von Cannes die Goldene Palme an Rumänien. Kritiker und Publikum lagen sich aus gutem Grund in den Armen. Gleich darauf allerdings legte man sich im Westen auf die “Bukarester Schule“ fest. Dabei muss der Aufschwung Ost erst noch das Label bestätigen, von dem die Rede ist. Zum Beispiel, ob sein erstaunlicher Kreativschub über längere Strecken trägt. Das kompromisslose Werk von Christian Mungiu steht jedenfalls – wie stets, chronisch unterfinanziert – formal und inhaltlich auf sicheren Beinen. Die limitierten Produktionsmittel erwiesen sich in seinem Fall bezeichnenderweise gar als Segen, weil wenig Spielraum für technischen Schnickschnack blieb – sofern er denn beabsichtigt gewesen sein sollte.

Für seine als Trilogie angelegten „Geschichten vom Goldenen Zeitalter,“ eine „subjektive Bestandsaufnahme des Kommunismus in Rumänien“ warf Mungiu das ganze Gewicht seiner künstlerischen Unverbrauchtheit in die Waagschale. Im ersten Teil des ehrgeizigen Projekts kommt der vormalige Assistent ausländischer Regiegrößen schnell zur Sache.

Die Ceausescu-Ära (1965-1989) liegt in den letzten Zügen. Noch immer aber ist das 1966 vom „Sohn der Sonne“ erlassene Gesetz zur Förderung von Kinderreichtum in Kraft. Mit dem verheerenden Sozialexperiment hatte das „Genie der Karpaten“ seinerzeit die Stärkung von Volk, Heimat und Nation im Sinn. Selbstverständlich unter Einbeziehung drastischer Strafen für Abtreibungswillige. Die Konsequenz: Bis gegen Ende des kommunistischen Regimes sollen nach Schätzungen 500 000 Frauen an den Folgen illegaler Eingriffe gestorben sein.

Vor diesem deprimierenden Hintergrund erzählt der Film die Geschichte von Otilia (Anamaria Marinca) und Gabita (Laura Vasiliu). Die beiden Studentinnen teilen sich ein Zimmer im Wohnheim. Durch die ungewollte Schwangerschaft Gabitas ist weibliche Solidarität gefordert. Aber was tun, wenn`s brennt?

In die Gemeinschaftseinrichtung können die Mädchen unmöglich einen potentiellen Engelmacher einschmuggeln. Gabita hat den längst fälligen Abbruch schon zu lange hinausgezögert und ist nun völlig auf den Einfallsreichtum der Freundin angewiesen. Otilias Geheimoperation ist für die Frauen voll ungeahnter Tücken. Zunächst wurde Gabita initiativ. Sie ließ telefonisch für sich ein Zimmer reservieren. An der Rezeption weist man Otilia jedoch mit parteichinesischem Kauderwelsch ab. Es bleibt nur, sich in einem teureren Hotel einzumieten, als geplant. Die Rechnung kann jetzt nicht mehr aufgehen. Denn der Zahltag für Mr. Bebe (Vlad Ivanov), auf dessen Hilfe Gabita auf Gedeih und Verderb angewiesen ist, bleibt unaufschiebbar. Der Nothelfer hat ohnehin die Messer gewetzt, weil er ursprünglich mit Gabita verabredet war und nun von Otilia kontaktiert wird. Als er im Hotel auch noch seinen Ausweis hinterlegen muss, lässt er seinen Frust in demütigender Weise an den verängstigten Frauen aus. Und die Tatsache, dass Gabita bereits im vierten Monat ist, macht ihn vollends unberechenbar. Er diktiert seine Bedingung für den Deal: Sex mit beiden oder er packt die Instrumente gar nicht aus. Gabita und Otilia sehen keine Alternative zu dem riskanten Unterfangen – und akzeptieren widerwillig. Gabita erleidet eine Fehlgeburt und verlangt von Otilia den Fötus nicht einfach zu entsorgen, sondern ihn zu beerdigen. Einsam und verzweifelt irrt die durch die Nacht. Sie wird das Problem schließlich auf pragmatische Weise lösen.

Bei ihrer Rückkehr im Hotel-Restaurant erwartet sie die erschöpfte Gabita. Die Freundinnen sind deutlich vom Schock gezeichnet. „Lass uns nie mehr darüber reden,“ bittet Otilia.

Fazit
Regisseur Christian Mungiu betont, dass es ihm wichtig war, „einen Film über meine Figuren und meine Geschichte zu machen, nicht über die zeitgeschichtliche Periode.“ Dieser Standpunkt ist selbst angesichts der historisch speziellen Umstände in seiner Heimat filmkünstlerisch respektabel; menschenverachtende Verbotstafeln finden sich ja nicht nur in der Walachei. Ergänzend könnte man sich freilich auch eine Fußnote zur weiteren Kehrseite von Ceausescus abstruser Familienplanung vorstellen; nämlich jene, die unter dem Begriff Kinder-Gulag unrühmlich Schlagzeilen machte. Aber vielleicht geht Mungiu darauf noch ein.

Nachvollziehbarer Handlungsaufbau, intensive Figurenzeichnung, treffende Dialoge, darstellerische Höchstleistungen und die sich daraus ergebende Spannung; äußerst starke Kennzeichen der „Vier Monate.....“ Mit ihnen kann sich kaum eine Förder-Liesel messen.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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