Rubljovka - Straße zur Glückseligkeit - Redaktionelle Kommentare Film

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Im Reich des stillen Don

TitelRubljovka - Straße zur Glückseligkeit
Filmbewertung vom10.12.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Rubljovka - Straße zur GlückseligkeitFilm Bewertung
Vor fast zwei Jahrzehnten ging die Sowjetunion „mit einem leisen Winseln“ in die Knie - genau wie es Amerikas Verteidigungsminister (zwischen 1981-1987) Caspar Weinberger einst vorhergesagt hatte. Da half weder Michail Sergejewitsch Gorbatschows Rettungsversuch mit der Glasnost-Spritze, noch dessen redliches Bemühen, aus der kommunistischen Konkursmasse ein „neues europäisches Haus“ zu bauen; auch seine Perestroika kam zu spät um hernach das ganze Volk mit illusionären Verheißungen vom kapitalistischen Leben zu bestrafen. Unter dem Nachfolger geriet das um neue nationale Identität ringende Kernland aller Werktätigen schließlich in seine tiefste Wirtschaftskrise. Während der berauschten Amtszeit Boris Jelzins halbierte sich gar Russlands Bruttonationaleinkommen. Im Sommer 1998 war der Staat endlich sturmreif geplündert. Seine Zahlungsunfähigkeit zwang ihn selbst Guthaben auf Privatkonten einzufrieren. In dieser dramatischen Umbruchphase entdeckte Reichsverweser Boris der I. seine große Liebe zu Kronprinz Wladimir Putin. Der Mann, der aus der ostdeutschen Kälte kam, führte das Restimperium der UDSSR zwar nicht gerade auf die Straße zur Glückseligkeit, aber kraft „gelenkter Demokratie“ in stabilere Verhältnisse. Glückseligkeit freilich blühte fortan, neben dem organisierten Verbrechen, ausschließlich der Oligarchie. Sie die ließ sich schon unter Jelzin nicht lange bitten und gefällt sich seither in der Rolle vorrevolutionärer Hofschranzen, denen Gott einen beachtlichen Teil des Volksvermögens zugesteht. Moral und Prinzipien dieser Spezies zu hinterfragen, heißt, den stillen Don im Kreml begreifen zu wollen. Die Auguren lesen jedoch höchst Ungereimtes aus dessen Kaffeesatz: „In Putins Welt,“ so zum Beispiel der Tagesspiegel, „ist alles verhandelbar.“ Na Klasse!

Die in Sibirien geborene, 1990 nach Deutschland ausgewanderte Irene Langemann („Russlands Wunderkinder,“ 2000) interessierte etwas anderes, nämlich der menschliche Flurschaden, der auf die sozialen Umwälzungen der Jelzin/Putin – Ära zurückgeht.

Ihre Intension war nicht eine abstrakte Bestandsaufnahme vom politischen Status quo, eine Analyse geschichtlich bedingter Strukturen, sondern ganz augenfällig den unglaublichen Kontrast zwischen oben und unten aufzuzeigen, vor allem das Lebensgefühl der privilegierten Klasse zu dokumentieren. Dafür wählte sie den Titel gebenden Prachtboulevard Rubljovka, die so genannte Präsidentenstraße 30 km westlich von Moskau. Hier, inmitten der Natur, sicherheitsrelevant abgeschottet vom Pöbel, fühlten sich schon die Genossen von Stalin bis Breschnew geborgen. Die Magistrale ist keine beliebige Meile, sie gilt als Synonym gesellschaftlicher Bedeutung und Anerkennung. Wer hier einzieht, hat ausgesorgt. Der Politprominenz dient die Verkehrsader seit jeher als Rennbahn für den täglichen Fluchtpunkt zu Privatem oder Dienstlichem, der Schickeria wiederum als schnellstmöglicher Szenewechsel. Wenn der Putin-Konvoi (gefilmt mit versteckter Kamera) durch gewunken wird, teilt sich natürlich das Automeer. Die Oase mit Hochsicherheitsappeal weiß die politische Elite vom Kremlboss abwärts ebenso zu schätzen, wie die Kaste der Liberalisierungsgewinnler. Dass der neue Geldadel hinsichtlich seines Geschmacks mit enormen Defiziten kämpft, ist kein Geheimnis. So steht etwa die Protzhaltung, in der er sein Domizil bereitwillig der Kamera anvertraut, in peinlicher Übereinstimmung mit seinen finanziellen Möglichkeiten. Die Regisseurin enthält sich dabei klugerweise jeden Kommentars. Der äußere Eindruck allein ist beängstigend: In dieser kulturfeindlichen Zitadelle wetzt der russische Bär seine turbokapitalistischen Tatzen. Da ist im sündhaft teuren Grundstückpreis schon mal das Abfackeln einer Datscha inbegriffen. Was soll man sonst tun, wenn alteingesessene Anwohner nicht freiwillig auf das inzwischen knappe Bauland verzichten? Jugendliche auf 10,000$ - Crossmobilen prahlen um die Wette, wie locker das Kollektiv der erziehungsberechtigten Profiteure den Freizeitspaß finanziert. Gut, hin und wieder trifft es auch mal einen Betuchten aus dem Netzwerk. So wie Putins Kontrahenten Chodorkowskij. Einst Nachbar des stillen Don, musste der Ölmagnat seine Residenz auf der Rubljovka wegen unbotmäßiger Kritik am Regierungschef gegen ein Quartier mit schwedischen Gardinen tauschen. Schweigen wäre Gold gewesen. Macht und Wohlstand haben eben auch im Ghetto der Paladine ihren Preis. Ansonsten dominiert die Dekadenz der Schönen und Reichen. Man zeigt gern, was man hat.

Und wenn der ein Jahr alte Zobel edelster Verarbeitung ersetzt wird, darf das ruhig auf Film gebannt werden.

Fazit
Dass Väterchen Putin dennoch vergleichsweise hohes Ansehen bei seinen Untertanen genießt, mag westliche Beobachter verwundern. Sein zynischer Umgang mit der Wahrheit bei der Politkowskaja-Affäre, die laxe Behandlung des U-Boot-Dramas, der undurchsichtige Fall Litwinenko (der das Loyalitätsgebot brach) oder das Befreiungsdesaster in der von tschetschenischen Rebellen besetzten Schule von Beslan im September 2004 sollten eigentlich den Sympathiewert unter 70% drücken; von der Gleichschaltung der Medien ganz zu schweigen. Selbst Irene Langemann bekennt: „Ich habe sehr oft – egal ob reich oder arm -, immer nur Begeisterungstiraden über Putin gehört. Der Mann wird geliebt und umjubelt.“ Ein erstaunliches Phänomen, das wohl nicht dauerhaft über den Charakter des Systems hinwegtäuschen wird: Nach der Roten Karte für die marxistisch-leninistische Heilslehre geht von der Rubljovka wieder feudalistische Anmaßung aus. Explizit spiegelt sich das in Irene Langemanns entlarvender Dokumentation. Die ohnehin abgesprochenen Parlamentswahlen werden daran nichts ändern; sie werden nicht einmal zu Reformversprechen reichen. Also, wasch mir weiterhin den russischen Pelz, aber mach mich nicht nass.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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