Der Fuchs und das Mädchen - Redaktionelle Kommentare Film

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Auf Reineckes Spuren

TitelDer Fuchs und das Mädchen
Filmbewertung vom24.12.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Der Fuchs und das MädchenFilm Bewertung
Walt Disneys familiengerechte Dokumentationen und Spielfilme sind schon lange nicht mehr das Maß aller Kinodinge. In Europa macht Großbritannien unter Wasser Druck („Deep Blue,“ 2004). Frankreich etwa vollbringt in Fauna („Der Bär,“ 1988 / „Nomaden der Lüfte,“ 2001) und Flora („Microkosmos,“ 1996) Naturwunder am Fließband. Luc Jacquets „Die Reise der Pinguine“ avancierte 2005 gar zum weltweiten Kassenknüller. Der gleiche Regisseur erzählt nun von märchenhaften Kindheitserinnerungen eines halbwüchsigen Mädchens, von der Begegnung der etwa 12-Jährigen mit einem Fuchs. Es ist dies eine fiktive Geschichte mit - wie der Regisseur versichert - authentischem Hintergrund. Als Junge habe er ähnliche Erlebnisse gehabt. Es sei ebenfalls zur wechselseitigen Annäherung zwischen dem damals kleinen Luc und Reinecke Fuchs gekommen. Dem Stoff misst er Elementares zu - das Kind und das Tier. Dass er die Rolle keinem männlichen Darsteller übertrug, begründet er durchaus nachvollziehbar: „weil Mädchen vorsichtiger in der Annäherung an etwas Fremdes sind und nicht so Besitz ergreifend.“ Für ihn sei inzwischen die Zeit gekommen, „in der man den Wunsch verspürt, seine Gefühle zu teilen.“ Aus dieser Selbstreflexion heraus entwickelte der Tierfilmer ein rundum beglückendes Werk und einen so liebevoll wie aufwändig gestalteten Bildband (der möglicherweise nur wegen des unglücklich terminierten Filmstarts auf manchem Gabentisch fehlte). Bei der Verquickung derart unterschiedlicher Tableaus wie Natur und Moral läuft aus der löblichen Absicht meist fragwürdige Konsenssoße. Die (fast) vermieden zu haben ist an sich schon ein Fabelgewinn. Der Fuchs kann nicht gezähmt werden, Punkt. Er ist ein wildes Tier, über das man nicht beliebig verfügen kann. Daran zerbricht schließlich die „Freundschaft“ zwischen Reinecke und dem sommersprossigen Mädchen (Bertille Noêl-Bruneau). Und auch der sentimental-sakrale Off-Ton aus Jacquets Pinguin-Odyssee wurde gottlob nicht wieder verwendet, sondern durch eine angenehme Erzählstimme (von Esther Schweins) ersetzt.

In seiner neuen Arbeit verbindet der Dokumentarist seine anerkannten Fähigkeiten als Tierbeobachter mit der Neigung zu Fiktionalem. Die Mischform aus sensibler Naturwahrnehmung und märchenhaften Spielfilmelementen ist schlicht umwerfend. Wenn Jacquet (in den italienischen Abruzzen) mit den Augen des Mädchens den Wechsel der Jahreszeiten erlebt oder die Vielfalt des Waldes erkundet, stellt sich sinnliche Intensität ein, die seine Kamera durch weitere Höhepunkte steigert. Etwa, wenn er diese durch den Fuchsbau kriechen lässt, das Zusammentreffen mit einem Braunbären, mit Wildschweinen, mit Rehen und einem Igel arrangiert; in diesem Genre kommt der Franzose durch jedes Expertenportal.

Fazit
Die Botschaft ist klar: Eingriffe in das Öko-System sollten tabu sein.

Verschwiegen sei aber nicht, dass auch Luc Jacquet nicht im manipulationsfreien Raum schwebt: Wenn das Mädchen und die „Titou“ getaufte Füchsin friedlich nebeneinander im Gras sitzend das Tal überblicken, geht das auf den Trainingsfleiß mehrerer Tiere zurück. Gleichwohl kann man sich dem Zauber des Films schwer entziehen. Auch die Buchausgabe hinterlässt durch überwältigende Aufnahmen und Texte voller Poesie einen bleibenden Eindruck.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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