Standard Operating Procedure - Redaktionelle Kommentare Film

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Funny Games im Morgenland

TitelStandard Operating Procedure
Filmbewertung vom27.05.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Standard Operating ProcedureFilm Bewertung
Was sich hinter den Mauern des Abu Ghraib –Gefängnisses rund 30 km außerhalb Bagdads abspielte, ist - militärhistorisch - bei aller Scheußlichkeit nicht eben ein seltenes Phänomen. Der besondere Schrecken in diesem Kontext rührt aus dem Umstand, dass sich die gruppenspezifische Willkür fern der Heimat nicht Monsterpolitikern vom Schlage Pol Pot, Mao oder Hitler zuordnen lässt, sondern einer geachteten Staatsform. Mit dem Ausmaß der Funny Games im irakischen Foltertrakt reißen Bushs Pyrrhussieger vierzig Jahre alte Wunden auf. Wie einst in My Lai summieren sich die völkerrechtswidrigen Verstöße des Hässlichen Amerikaners zu einem besorgniserregenden Gesichtsverlust. Wobei der abträgliche Symbolgehalt seiner Verfehlungen womöglich schwerer wiegt, als die Verbrechen selbst. So wirkt sich denn auch die humanistische Mängelliste fatal auf die Bemühungen aus, dem von Saddam befreiten Land neue Politik- und Gesellschaftsnormen zu verklickern.
Den Leitwolf westlicher Zivilisation am moralischen Pranger zu sehen, während der sich gerade mit dem Export seiner demokratischen Grundwerte abrackert, hatte schon für die 68-ger Generation seinen revolutionären Reiz.
Als die Nixon-Administration wegen ihrer obskuren Dominotheorien ein kleines Land in die Steinzeit zurückbomben wollte und im Verlaufe des Vietnam-„Konflikts“ eines der scheußlichsten Massaker seit der Nazi-Diktatur hervorbrachte, war das für jeden RAF-Zahn ein ideologisches Fressen. Vier Dekaden später ist der Kommunismus längst am kapitalistischen Arm verhungert und der im Dschungel unbesiegte „Charly“ ein halbwegs akzeptierter Wirtschaftspartner der USA.
In der Armeeführung der angeblich Vereinigten Staaten scheint die Zeit jedoch seit jenem Debakel stehen geblieben zu sein. Jedenfalls drängt sich der Eindruck zwingend auf, nimmt man die aktuellen Nachrichten zum Maßstab und als zusätzliches Zeugnis die von Errol Morris („The Fog of War,“ 2003) dokumentierte Standardprozedur bei der Behandlung von Irak-Gefangenen. Das eben ist der Fluch der berüchtigt bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.
Waren es seinerzeit die schockierenden (offiziell abgesegneten) Bilder von Fotograf Ron Haeberle, die dazu beitrugen, die seelischen Abgründe der uniformierten Killer zu erhellen, so konnte im Abu Ghraib-Verließ offenbar jeder Verhörspezi auf der Basis äußerst fragwürdiger Befehlsstrukturen gleichzeitig sein eigener Armeereporter mit Anbindung an das Internet sein.
Man bediente sich innerhalb des hermetisch verrammelten Kerkers modernster Kommunikationsmittel, um schnellstmöglich für globale Verbreitung der begangenen Schweinereien zu sorgen. So, als könne man es kaum abwarten, wie die Weltöffentlichkeit auf die Beschmutzung des Sternenbanners reagiert. Vermutlich aus demselben Geltungsbedürfnis heraus mögen sich einige von ihnen zu Interviews vor Errol Morris Kamera bereit gefunden haben. Dabei nötigt keinem der Beschuldigten die Chronik des widerwärtigen Skandals minimale Einsichten in das eigene Handeln ab; von Reue über die erniedrigenden Gewaltakte gegenüber entblößten Leibern keine Spur. Gemeinsames Credo der Folterknechte: Die inspirierende Software für das gewalttätige Business kam von oben und als Soldat im Einsatz könne man das schwerlich ignorieren. Also sprach schon William Calley, der damals 24-jährige Oberleutnant nach dem von ihm zu verantwortenden My Lai -Blutbad (für das auch er nie erkennbar Reue zeigte).
Der wurde schließlich von höchster Stelle in seinem sadistischen Trieb bestätigt: Bereits einen Tag nach dem „lebenslange Haft“ verhängten Strafmaß (1971) konterkarierte Präsident Nixon das Urteil, indem er es in einfachen Hausarrest umwandelte, ehe er Calley 1974 vollend begnadigte.
Für die äußerst verdienstvolle Dokumentation „The Fog of War“ gewann Regisseur und Produzent Morris 2003 den Oscar. Mit dem methodisch recherchierten Wettbewerbsfilm (Berlinale 2008), der die Hintergründe einer aus dem operativen Ruder gelaufenen Ermittlung gegen Terrorverdächtige nachzeichnet, wird ihm das nicht passieren.
Morris stellt für das Puzzle aus inneren und äußeren Zwängen der unmittelbar Beteiligten umfangreiche politische, juristische, ethische und vor allem psychologische Fakten in den Raum. Wirklich fassbar werden die exzessiven Foto-Session einer Lyndie England dennoch nicht. Dem steht schon die Überdramatisierung durch musikalische Interpunktionen im Weg (eine mittlerweile allenthalben praktizierte, gleichwohl ermüdende Geschäftsidee). Ein weiterer Einwand kann dem Regisseur nur mittelbar angelastet werden: Aus nahe liegenden Gründen kommen weder Inhaftierte noch ranghohe US-Militärs zu Wort. Das empfand offensichtlich auch Doc Morris als Manko, weshalb er den Film ästhetisch etwas aufpeppte.

Fazit
Allerdings: Nachgestellte Alpträume sind ein zwiespältiger Ersatz für Authentizität und stark verdächtig, das Grauen zu entschärfen. Und daran kann dem Oscar-Preisträger doch wohl nicht gelegen sein.

Bewertung
60%

© 2012 Martin Graetz
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